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Wirtschaftsmediation – Streiten sollen doch die anderen

"Sollen wir dabei in einem Kreis sitzen und Räucherstäbchen abbrennen?" sind noch die harmloseren Missverständnisse, wenn es um Mediation geht. Wer nicht der Verwechslung mit der Meditation unterliegt, meint aber wenigstens ein informierteres "aber es bringt doch nichts" beisteuern zu sollen.

Um welchen Vorgang geht es denn, der so leicht in die Nähe einer abwertenden Bemerkung gerät? Der Duden erläutert den Begriff Mediation erstens mit der Vermittlung eines Staates in einem Streit zwischen anderen Mächten und zweitens mit einer aussöhnenden Vermittlung bzw. einer Technik zur Bewältigung von Konflikten durch unparteiische Beratung, Vermittlung zwischen den Interessen verschiedener Personen. Er fügt dann, für den Duden erstaunlich, aber umso richtiger, hinzu: "Es gibt zu wenige auf Mediation geschulte Beratungsstellen."

Die Mediation auf zwischenstaatlicher Ebene soll hier nicht besprochen werden, obwohl sich gerade im Nahen Osten, aber auch beispielsweise in Nordirland eine Reihe von schwierigen Anwendungsfällen finden lassen. Im Mittelpunkt steht hier vielmehr die Wirtschaftsmediation, also die vermittelnde Konfliktlösung im Wirtschaftsleben. Bekannt ist vielen die Familienmediation, die im Umfeld von familienrechtlichen Auseinandersetzungen manchen Konfliktfall lösen hilft, der im familiengerichtlichen Verfahren nicht so konstruktiv beendet worden wäre. In der Wirtschaft gehe aber alles viel sachlicher und zielorientierter vor sich, sagt man. Die Praxis sieht anders aus. Auch und gerade in der Wirtschaft geht es oft um Positionen, unter denen auch ganz andere Interessen verborgen liegen, die aber nicht klar kommuniziert werden. Alle vorhandenen Interessen zu identifizieren und für beide Parteien in einen optimalen Ausgleich zu bringen, ist Ziel der Wirtschaftsmediation. Dabei befähigt der Mediator die Parteien, die Lösung selbst zu erarbeiten und zu vertreten, er setzt nicht seine Lösung anstelle der Auffassung der Beteiligten. Dies ist ein wichtiger Unterschied zu gerichtlichen, Schieds- oder auch Schlichtungsverfahren. Noch bedeutender ist aber die Zielrichtung der Mediation. Sie ist vorwärtsgerichtet und soll neben der Klärung des in der Vergangenheit liegenden Konfliktes auch das weitere Vorgehen in der Zukunft abstecken. Oft treten dabei für beide Seiten zusätzlich reale Möglichkeiten und Vorteile zu Tage, an die vorher keiner der Beteiligten gedacht hatte. Zudem kommt die Lösung von den Beteiligten selbst. Sie handeln und werden nicht behandelt, eine ungleich bessere Lage als bei einer Entscheidung durch Dritte.

Viele zusätzliche Vorteile werden genannt, wenn es um die Wirtschaftsmediation geht: Zeitsparend, kostengünstig, ressourcenschonend, gesichtswahrend mit gleichzeitig hoher Erfolgsquote, um nur einige zu nennen. Trotzdem verbreitet sich das Verfahren nur sehr zögerlich. Wieso, wenn die Gründe für eine Akzeptanz doch angeblich auf der Hand liegen?

Wie bei vielen Entwicklungen sind die Hürden oft das, was man als sachfremde Erwägungen oder historisch bedingte Hemmnisse bezeichnen kann. Zunächst einmal die Ausbildung. Der traditionell ausgebildete Jurist, ein von Berufs wegen berufener Berater in Konfliktlagen, hat zwar in der Regel alle Feinheiten der rechtlichen Auseinandersetzung gelernt, die vermittelnde, gestaltende und zukunftsgerichtete Lösung aber steht kaum im Mittelpunkt des gelehrten Stoffes. Die Mediation ist oft ein weißes Feld, das dementsprechend dann auch in der beruflichen Praxis nicht die größte Aufmerksamkeit erfährt. Auf der Gebührenseite ist eine Mediation zudem zumindest bei hohen Streitwerten wenig lukrativ im Vergleich mit den streitigen, sich durch mehrere Instanzen hinziehenden Verfahren. Erst jetzt führt die zunehmende Ausbildung von Wirtschaftsmediatoren zu einer größer werdenden Versorgungsdichte, die sich auch auf die Verbreitung des Instrumentes selbst auswirken wird. Die Zurückhaltung mancher Rechtsabteilungen von Unternehmen hat zudem noch einen anderen Grund. Oft ist es leichter, intern ein unterliegendes Gerichtsurteil zu kommunizieren als den freiwilligen Verzicht auf einen Teil einer Forderung, selbst wenn andere kompensatorische Ergebnisse dies wieder ausgleichen. Mit anderen Worten: Bei einem Rechtsstreit weiß man was man hat- und was nicht. Alles andere ist unsicheres Neuland mit entsprechend nicht immer honorierter Eigenverantwortung.

Aber das ist eine hoffentlich bald historische Betrachtung. Einige Gerichte lassen bereits eine gerichtsnahe Mediation zu. In Österreich gibt es eine gesetzliche Grundlage für Mediation und in den USA gehört sie ohnehin zum geschäftlichen Alltag. Die hohe Erfolgsquote der Wirtschaftsmediation wird auch hierzulande die Streitkultur langsam verändern und den Weg ebnen für eine eigenverantwortlichere und effektivere Konfliktbewältigung. Die vorhandenen Strukturen und Denkmuster werden sich diesen Erfolgen öffnen und sogar öffnen müssen. Denn wer mit Konflikten konstruktiv umgeht, hat einen klaren Wettbewerbsvorteil. Letztlich verhält er sich professioneller und damit kaufmännischer.

Falls Sie also auf den nächsten Konfliktfall stoßen, informieren Sie sich doch einmal über Alternativen zur rein rechtlichen Auseinandersetzung. Es könnte sich für Sie lohnen.

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