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Unternehmensnachfolge und Interessenerforschung -
Wirtschaftsmediation hilft Startfehler zu vermeiden

Probleme bei der Unternehmensnachfolge sind ein viel besprochenes Thema. Neben wirtschaftspolitischen Kommentaren, die immer wieder in den Medien stehen, sind es vor allem ganz reale Gestaltungsfragen, die in den vielfältigen Ratgebern und in der Tagespresse besprochen werden. Viele Facetten werden sichtbar: Beispielsweise geht es um erbrechtliche Belange. Das sog. Unternehmertestament wird in zahlreichen Varianten ausgeführt und in seinen steuerrechtlichen und erbrechtlichen Facetten behandelt. Die Voraussetzungen einer Betriebsaufspaltung werden beleuchtet und Vorschläge für eine gesellschaftsrechtliche Optimierung gemacht. Vorsorgegesichtspunkte werden angesprochen und Teilveräußerungen bzw. Börsengänge erörtert. Kurzum: rund um die Unternehmensnachfolge gibt es eine Vielzahl von zu klärenden, kompliziert ineinander greifenden Sachverhalten zu regeln.

Dies versperrt aber oft die Sicht auf eine alles entscheidende Vorfrage, deren Klärung die unverzichtbare Grundlage für alle anschließenden Regelungen ist. Wer soll der Nachfolger oder die Nachfolgerin sein und unter welchen Rahmenbedingungen? Dies klingt zunächst banal, scheint es doch eine Selbstverständlichkeit zu sein, Klarheit über die Nachfolgeperson  zu haben.

Und doch kommt es immer wieder kurz oder mittelfristig nach der Übernahme zu Unternehmens-, Führungs- oder Familienkrisen. Oft gibt es Störungen im Kundenverhältnis, das Betriebsklima gerät aus den Fugen, Gesellschafter und Geschäftsführung kommen nicht miteinander aus, oder in der Familie treten massive Zwistigkeiten auf. Meist sind dies die Folgen einer nicht konsequent geführten Analyse über die Interessen der beteiligten und handelnden Personen. Durch die Befassung mit den organisatorischen, rechtlichen oder steuerlichen Fragen wurden die bestehenden, durchaus unterschiedlichen Interessen überblendet. Da sie aber nicht  geklärt und in Übereinstimmung gebracht wurden, brechen sie zwingend wieder auf oder manifestieren sich an anderer Stelle, wenn die Euphorie des neuen Anfangs erst einmal abgekühlt ist und der Blick auf die täglichen geschäftlichen Gegebenheiten wieder frei geworden ist.

 

Ein Beispiel: Ein produzierender Unternehmer mit drei Kindern möchte seinen Betrieb weitergeben und sich zur Ruhe setzen. Er sieht ein, dass eine dreifache Leitung nicht funktionieren kann und möchte deshalb den Betrieb seinem Jüngsten übergeben, den er für den Geeignetsten hält. Die beiden anderen Geschwister opponieren und wollen sich damit nicht abfinden. Letztlich kommt es beinahe zu einem Zerwürfnis. Um dies zu verhindern, sieht sich der Unternehmer nunmehr gezwungen sein Lebenswerk zu veräußern. Alle Beteiligten sind tief enttäuscht. In der Familie ist es schweigsamer geworden, der Kaufpreis entsprach nicht dem Unternehmenswert, weil der Käufer die Zwangssituation erkannte, und die Mitarbeiter des Unternehmens sehen in eine ungewisse Zukunft.

Wie hätte es anders aussehen können? In der Mediation solcher Konstellationen liegt eine große Chance. Denn die Wirtschaftsmediation stellt wie jede Mediation in erster Linie auf die Interessen der Beteiligten ab und versucht, diese in einen von allen akzeptierten Ausgleich zu bringen. Die (Rechts-) Positionen sind dabei eher zweitrangig. In einem bestimmten Standards unterworfenem Verfahren ergründet der Mediator zunächst, welche wirklichen Interessen hinter den vorgetragenen Positionen stecken. Im konkreten Fall wäre dabei deutlich geworden, dass die Opposition der beiden anderen Geschwister ganz andere Gründe hatte. Gemeinsam war beiden die Haltung, der jüngere Bruder wäre ohnehin immer bevorzugt worden, während sie sich selbst hätten kümmern müssen. Im Übrigen ist die Schwester überzeugt, mit ihrem kreativen Talent einen großen Beitrag zur Weiterentwicklung der Firma leisten zu können, während der ältere Bruder angesichts seiner eigenen Lebenspläne sicherstellen möchte, dass sein zukünftiges Erbe nicht zu hohen Risiken ausgesetzt ist, wenn er keine Einfluss auf den Geschäftsbetrieb hat. Dem Vater war nicht bewusst, die beiden Älteren weniger gefördert zu haben und ist erstaunt, welches große Interesse die Tochter an dem Fortgang des Unternehmens hat. Der jüngere Bruder hält Veränderungen im Betrieb für zwingend notwendig, die entsprechende Investitionen erfordern. Er sieht jedoch ebenso wie der Vater das Sicherungsinteresse seines Bruders als berechtigt an, hält es jedoch für gewahrt. Im Übrigen ist er von der Kreativität seiner Schwester im designerischen Bereich sehr überzeugt und möchte ihre Fähigkeiten gern nutzen.

Nachdem in der Mediation die jeweiligen Interessen so klar herausgearbeitet und benannt worden sind, ist ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Schritt erfolgreich gemacht. Nunmehr werden Lösungsoptionen gesucht und von den Beteiligten bewertet. Dabei gibt es nicht die „richtige“ Lösung, sondern die den Interessen der Parteien am besten entsprechende Lösung. Im Beispiel werden die Optionen vom Verkauf des Unternehmens bis hin zur gemeinsamen Geschäftsführung aller drei Geschwister besprochen und nach gemeinsam vereinbarten Kriterien bewertet. Dabei kommt heraus, dass an einem Verkauf niemanden gelegen ist, aber auch eine gemeinsame Geschäftsführung mit dem älteren Bruder keine gute Lösung sein kann. Im Ergebnis sollen der jüngere Bruder und die Schwester Gesellschafter werden, der ältere Bruder abgefunden werden. Die alleinige Geschäftsführung übernimmt der jüngere Bruder, die Schwester wird im Betrieb für das Produktdesign zuständig. Das Ganze soll so bindend wie möglich festgelegt werden.

Damit sind in der Mediation die wichtigsten Eckpunkte erreicht. Sie werden zwischen den Beteiligten als Ergebnis festgehalten. Im nächsten Schritt geht es jetzt gemeinsam mit den Fachleuten an die steuer- und erbrechtliche Prüfung und Umsetzung.

Dieses zur kürzeren Darstellung vereinfachte Beispiel zeigt: Die vorherige konsequente Abklärung der Interessen und die Berücksichtigung der familiären Situation ist eine zwingende Voraussetzung für eine optimale Lösung. Die steuerliche und juristische Umsetzung schließt sich dann als Instrument an, sie ist nicht die Lösung selbst. Wer auf eine solche klare Analyse verzichtet, nimmt den Beteiligten die Chance, sich und das Unternehmen zukünftig bestens aufzustellen. Oft lassen sich gegensätzliche Positionen in gleichgerichtete Interessen oder zumindest miteinander kompatible Interessen aufbrechen. Die Lösung sieht dann ganz anders aus als bei einer Regelung, die auf den ursprünglichen Positionen beruht. Sie ist auch befriedigender als eine schnelle Regelung, die zwar fachgerecht aussieht und vielleicht auch rechtlich und steuerlich perfekt ausformuliert ist, aber nicht den wirklichen Interessen entspricht. Eine solche Regelung wird u.U. nicht lange halten. Die vorherige Mediation bei Unternehmensnachfolgen kann ein wichtiger Faktor sein, um das zu vermeiden. Nicht nur aus Kostengründen spricht deshalb vieles dafür, vorher eine Wirtschaftsmediation durchzuführen.

Auch die Haltung hinter der Mediation deckt sich mit der Zielsetzung einer Unternehmensnachfolge. Erfolgreich ist das Ergebnis dann, wenn es zukunftgerichtet, interessenorientiert und befriedend ist. Dann können sich alle Beteiligten auf das Geschäft konzentrieren und die gesparte Zeit, Kraft und natürlich auch das Geld als Ressourcen im Wettbewerb einsetzen.

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